Mentale Klischeerentner, oder was?

Liebe Leute, seit ich auf Instagram immer mal wieder durchblicken lasse, dass ich mich seit einiger Zeit mit dem Thema „Persönlichkeitsentwicklung“ beschäftige und mein Leben ganz gezielt unter das Motto #ichänderwas gestellt habe, bekomme ich immer wieder Nachrichten, in denen sinngemäß Folgendes steht:


Das Thema „Persönlichkeitsentwicklung“ finde ich auch total spannend. Ich würde auch gerne so Einiges in meinem Leben und an mir ändern. […], aber ich habe ehrlich gesagt auch Angst vor einer Veränderung.


Die alte Kackbratze Angst, die sich manchmal wie Krätze durchs eigene Herz frisst und so tun will, als ob sie der Chef wäre…von unserem Denken und Handeln, vom unseren Träumen und unserem Alltag. Salopp gesagt: Sie ist ein Arschloch, aber CHEF sind WIR. Die Kackbratze tut nur so. (Und jaaaaa, ich weiß wovon ich rede und winke einmal galant mit meinem Fähnchen, auf dem „früher mal Sozialphobie und Panikstörung“ steht.)

Erst gestern habe ich mit einem guten Freund ein Gespräch geführt. Unter Anderem ging es auch um die alte Kackbratze, aber vor allem ging es darum was man sich eigentlich für das eigene Leben wünscht. Dabei fiel folgender Satz…nix sinngemäß, sondern Zitat:


Meistens bin ich schon froh, wenn der Tag vorbei und nix Schlimmes passiert ist.


Ich warne Euch vor, es folgt eine flammende Rede:

Dieses Zitat könnte von einem Rentner stammen. Von jemandem, der morgens wegen Blasenproblemen viel zu früh ausm Bett fällt, der dann als Erster vorm Supermarkt steht, weil er schon ja schon seit Stunden wach ist und der den Rest des Tages zwischen TV und Fensterbank verbringt. Und wenn er RICHTIG gut drauf ist, setzt er sich im Park umme Ecke mal ein Stündchen auf ne Bank und guckt ein bisschen ins Grüne. Abends geht er dann ins Bett und ist froh, dass im Supermarkt die Bockwürstchen nicht teurer geworden sind, die Rückenschmerzen halbwegs erträglich waren und dass ihm am Fenster keine Taube aufn Kopp gekackt hat. Mit anderen Worten: Er ist froh, dass er den Tag rumbekommen hat, ohne dass was Schlimmes passiert ist.

So. Wollen wir jetzt schon diese Rentner sein, die uns leid tun, weil sie augenscheinlich traurig vor uns an der Supermarktkasse stehen? Wollen wir jetzt schon diese Rentner sein, die wir aus ihren Fenstern gucken sehen, wenn wir im Auto an der Ampel stehen und unser Blick die Hausfassaden streift? Wollen wir diese Rentner sein, die schon froh sind, wenn der Rücken mal nicht ganz so fies zwackt und nix Schlimmes passiert ist? Soll das jetzt schon unser Tagesziel sein? Unser Alltag? Unser Leben?

NEIN, verdammte Axt!

Ich will abends nicht im Bett liegen und einfach nur froh sein, dass nix Schlimmes passiert ist! Ich will im Bett liegen und mich über etwas oder andere Menschen freuen können, über schöne Momente und Erlebnisse, über große und kleine Erfolge und über lecker Essen oder so. Ich will abends einschlafen und stolz auf mich sein können, weil ich das Beste aus dem Tag gemacht habe. Und wenn mir dann mal etwas Schlimmes durch den Kopf tapert, ist das auch okay, gehört halt ab und an dazu. Aber meine Gedanken sollen nicht grundsätzlich im besten Falle einfach nur um die Abwesenheit von Pech oder negativen Erlebnissen kreisen!

Ich will kein unglücklicher Rentner hinter einer jungen Maske und in junger Garderobe sein!

(Und natürlich weiß ich, dass es auch dynamische, glückliche und aktive Rentner geht. Des klassischen Renterklischees bediene ich mich, um ein überspitztes Bild zeichnen zu können, weil sowas besser im Gehirn „knallt“.)

Wisst Ihr wovor ICH Angst habe? Vor meinem eigenen Stillstand. Davor, dass mein Herz und Verstand eine Klischeerentner-Verbindung eingehen könnten und ich es einfach geschehen lasse, weil es eben bequemer ist. Dümpeldipümpel. Ich habe Angst davor, nicht rechtzeitig gut genug hingeguckt zu haben – auf mein Leben und mich und die Möglichkeiten, die eigentlich im Raum stehen. Ich habe Angst davor, irgendwann zurückzublicken und zu erkennen, dass das Beste, was ich über meine „jüngeren“ Jahre sagen kann, dass nix Schlimmes passiert ist. DAS IST ZU WENIG! Ich will mir mehr wert sein als „nix Schlimmes“! Ich BIN mehr wert. Wir alle!

Angst kann ein unfassbar fieser, einengender Hemmschuh sein. Angst kann aber auch der beste Motivator sein, den man sich wünschen kann. Es hängt nur vom Fokus ab.

Soll heißen: Eure Angst davor, nix zu verändern, muss größer sein als Eure Angst vor der Veränderung. Jeder, der mir geschrieben hat, dass er eigentlich gerne etwas an sich oder seinem Leben ändern würde, ist mit etwas unzufrieden oder unglücklich. Und jetzt stellt Euch mal Euch selbst in 20 Jahren vor: immer noch die gleiche Unzufriedenheit und das gleiche Unglück im Herzen. Scheiße, oder? Und solche Unzufriedenheiten und die Traurigkeit über sich selbst schleifen sich ja mit der Zeit nur immer mehr ins eigene Herz ein. Also sind die Furchen, die man dort heute schon fühlt, in 20 Jahren wahrscheinlich noch viel tiefer, es geht einem NOCH schlechter und zudem ist man noch verdammt enttäuscht von sich selbst. DAS MACHT ANGST!

(Und ja, vielleicht gewöhnt man sich auch an sein eigenes Elend und stagniert in totaler emotionaler Verflachung. Aber das kann ja auch nicht das Ziel sein, oder? Dann hat man (sich) nämlich aufgegeben und DAS ist meiner Meinung nach NOCH trauriger als innere Unzufriedenheit.)

Also, die flammende Rede kommt aufn Punkt: Habt keine Angst vor einer Veränderung, wenn Ihr mit etwas unzufrieden seid. Habt Angst davor wie Ihr Euch eines Tages fühlt, wenn Ihr NICHTS verändert!

Tretet der Kackbratzen-Angst, die Euch klein hält, in den Arsch, und schließt Freundschaft mit der Motivator-Angst – die ist nämlich voll in Ordnung kann ich Euch sagen, wir lernen uns grad von Tag zu Tag besser kennen.

Und jetzt vielleicht manch Einer so: Na gut, klingt logisch, aber WIE? Wie verändert man denn einfach was oder sich oder gleich das ganze verrückte Leben? Darüber können wir gerne anderwann reden. Heute wollte ich einfach nur mal laut und deutlich sagen schreiben: Keine Angst vor Veränderungen, wenn Ihr den Wunsch in Euch spürt! Seid nicht jetzt schon mental die Klischeerentner, die Ihr niemals werden wollt! Und wenn man mal ein paar Tage mit diesem Bild im Kopf rumläuft und es wie eine Schablone reflektierend über die eigenen Gedanken legt, dann wird der Wunsch, WIRKLICH inne Puschen zu kommen, ganz bestimmt von Tag zu Tag größer. Vielleicht probiert Ihr es mal aus?

(Falls Du aber voll zufrieden mit Deinem Leben und Dir bist…umso besser! Schön! Dann war dieser Artikel nicht an Dich gerichtet. Klingt das schnippisch? Ist nicht schnippisch gemeint.)

Und nein, ich bin hier nicht voll der Guru, der von seinem super Erfolgsschimmel herab zu irgendwem spricht! Ich fang doch grad selbst erst an, mit meinem Leben und meiner eigenen Einstellung aufzuräumen, weil ich glaube, ein paar wichtige „Dinge“ endlich verstanden zu haben. Das macht mich noch lange nicht zum Oberschlaubi! Ich freu mir nur ’n Ast, weil ich merke, dass es in meinem Kopf endlich KLICK gemacht hat.

Merke: Die Angst kann ein Motivator sein!

  • Susanne
    22. August 2017

    Das ist SO richtig. Danke, ein sehr schöner Text, und beim Thema „Angst vor dem eigenen Stillstand“ habe ich mir fast den Nacken ausgerenkt vor lauter Kopfnicken.

    • Juli Pott
      Susanne
      24. August 2017

      Danke schön und auf in den Kampf gegen den eigenen Stillstand ❤️

  • Kindausmruhrpott
    22. August 2017

    Eigentlich doof, dass ich mir nichts zum Lesen für die kommenden Tage übrig lasse und dann auf neue Posts warten muss.
    Aber ich bin gerade wie im Rausch und muss alles in mich aufsaugen.

    Ich hatte schon oft Gespräche mit meiner Familie und mit mir selbst.
    Mein Opa ist vor zwei Jahren gestorben und hat im Krankenhausbett gesagt, wie sehr er es sein ganzes Lebenlang bereut hat, nicht bei der Eisenbahn geblieben zu sein. (Seine Eltern hielten nichts davon. Er solle doch lieber auf den Bau.) Und wie sehr er es bereut hat, nicht gelebt zu haben.
    Jeder Cent, Pfennig und Złoty wurde 4x umgedreht bevor er ausgegeben wurde. ABER für die Kinder und Enkelkinder, da war immer mal ein 10er, 20er oder 50er drin. Glaub es oder nicht. Ich wollte das Geld nie und habe es zum Schluss auch einfach nicht mehr angenommen. Und jetzt wo er tot ist und Oma im Heimlebt (starke Demenz seit Jahren) sind all seine Ersparnisse in seine Beerdigung und die Heimbetreuung geflossen. DENN solange es noch irgendwo Geld zu holen gibt, wird es genommen bevor das Amt zahlt.
    – Was lernt man also daraus? Immer fein sparen für .. ja was eigentlich? Fall mal eine Waschmaschine kaputt geht? und dann aber nichts erlebt haben?

    Ich weiß nur eins:
    Ich lebe! Ich will leben!
    Klar, ich gehe arbeiten um mir mein Leben leisten zu können. Aber mitlerweile habe ich einen Job, den ich absolut gerne mache. Ich habe einen tollen Chef.
    Ja – ich würde auch gerne einen unglaublich hohen Betrag auf meinem Konto haben, nicht mehr arbeiten gehen und nur noch Leben. (Leben bedeutet für mich vor allem Reisen. Land, Leute, Kulturen und mich kennenlernen),
    Da dies ohne Arbeiten nunmal aktuell nicht möglich ist, habe ich trotzdem für mich endlich den Weg gefunden, der für mich stimmig ist.
    Langezeit habe ich gebraucht um diesen Job in dieser Firma mit diesem Chef zu finden. Ich dachte schon es liegt an mir, dass ich nicht fähig bin auch im „Job“ glücklich zu sein. Rückblickend betrachtet weiß ich, dem war nicht so!
    Und auch Kommentare wie: „Was verdienst du eigentlich? Finanzierst du die das all das selber? Das ist doch gar nicht möglich…“
    gehen mir mitlerweile sowas von am Popo vorbei.
    Ich kann sparen. Und ich spare gerne, weil ich weiß, wofür ich es liebengerne ausgebe.
    Ich versaufe mein Geld nicht oder gehe für teuer Geld jeden Monat shoppen.

    Lange Rede; kurzer Sinn:
    Ich werde nicht eines Tages im Schaukelstuhl (falls ich mir den dann leisten kann) sitzen und wie mein Opa bereuen, was ich hätte damals alles anders machen und erleben sollen.

    Ich lebe jetzt und hier!

    (Sorry, wenn der Text etwas wirr ist.)

    • Juli Pott
      Kindausmruhrpott
      24. August 2017

      Der Kommentar hat mich wirklich sehr bewegt. Danke dafür! Und ich finde es toll, dass Du für Dich einen stimmigen Weg gefunden hast und auf blöde Kommentare von Anderen nix mehr gibst ❤️ Und das mit dem Schaukelstuhl…ich will da auch eines Tages zufrieden drin sitzen können, weil ich so viel in meinem Leben GEMACHT habe, dass meine Erinnerungen in meinem Omma-Köpfchen Boogie-Woogie tanzen 🙂

  • Jess
    22. August 2017

    Toller, toller Text! Sehr motivierend, vorallem wenn man selber in dieser Angstspirale gefangen war. Es ist ein tolles Gefühl zu erkennen, dass die Angst einen nicht schützt, sondern von den schönen Dingen im Leben abhält.
    Ich habe gestern einen tollen Spruch gesehen, den ich mir gleich in jedes Notizbuch, in jeden Kalender geschrieben habe:
    >>Fear does not stop death – it stops life<<
    ❤️

    Sagte ich schon, dass ich mich freue endlich mehr von dir lesen zu können? Ja, egal, kann ich nicht oft genug sagen.

    • Juli Pott
      Jess
      24. August 2017

      Super Spruch! Gefällt mir sehr und wird mich fortan auch begleiten. Danke dafür ❤️

  • Lena
    22. August 2017

    Besser kann man es nicht schreiben!
    Ich habe solche Angst mein Leben nicht genießen zu können. Ich denke, ich habe keine Angst vor Veränderungen. Aber ich habe Angst, mich zu überwinden. Vor dem ersten Schritt, warum, verstehe ich auch nicht.
    Deine Texte sind so schön, um über das Leben nachzudenken 😊

    • Juli Pott
      Lena
      24. August 2017

      Ich habe letztens gelesen, dass man sich einfach aufschreiben soll, was alles passieren könnte, wenn man seine Angst überwindet. Was könnte schlimmstenfalls passieren? Und dann soll man Punkt für Punkt durchgehen und sich überlegen: „Wie würde ich dann handeln, wenn das und das eintritt?“ – so erkennt man, dass es immer eine Lösung gibt. Punkt für Punkt hingucken und dann feststellen „Hm, eigentlich alles machbar“. Und ZACK ist die ominöse Angst zumindest logisch entlarvt. Und dann vollen Mutes ab dafür ❤️

  • San
    22. August 2017

    GENAU DAS –> „Habt keine Angst vor einer Veränderung, wenn Ihr mit etwas unzufrieden seid. Habt Angst davor wie Ihr Euch eines Tages fühlt, wenn Ihr NICHTS verändert!“

  • Clara
    23. August 2017

    Ich finds super!

  • FINCHENMAGSMEER
    23. August 2017

    Wow, was für eine flammende Rede, die mich voll ins Herz trifft und mich nachdenklich macht!!! Ich bin auch so eine, die von der Angst oft in die Knie gezwungen wird und sich hinterher ärgert… warum hast du nicht das und das gemacht…?! Stillstand ist der Tod, hat doch auch Gröni gesungen, oder? Also, lassen wir uns nicht von unserer Angst dominieren, immer einen Schritt nach dem anderen machen Richtung „Endlichwaserleben“! Ich drücke Dir und mir und allen, die mitmachen wollen, die Däumchen, das es klappt!! 😉

    • Juli Pott
      FINCHENMAGSMEER
      24. August 2017

      ich bin ehrlich gesagt richtig traurig über meine vergangenen 10 Jahre. Weil ich so Vieles NICHT gemacht habe. Dieses Gefühl will ich in 10 Jahren nicht noch mal haben. Alles Liebe und ganz viel Mut für Dich und mich und alle, die mehr erleben wollen als das eigene Hamsterrad ❤️

  • Kea
    24. August 2017

    Hach, Juli. Was soll ich sagen – du weißt ja, dass mir deine Worte in Herz und Hirn gehen.
    Ich habe auch einige Jahre meines Lebens wie hinter Milchglas verbracht und damit ist seit einiger Zeit Schluss. Das Leben hat meinen Wunsch nach Veränderung sehr sehr wörtlich genommen, daher ändert sich dieses Jahr bei mir fast alles 😀 Aber gut, ich nehme den Ball an – und mach was draus. Kürzlich stand ich im Einkaufscenter hinter einem Rentner auf der Rolltreppe. Und, weiß der Geier, warum, ich hatte kurz das Gefühl, das Leben durch seine Augen zu sehen. Er war sicher gut und gerne über 70 und die Zeit, die ihm noch blieb, aller Wahrscheinlichkeit nach, kürzer, als meine (man weiß zwar nie, aber gehen wir mal kurz davon aus). Und plötzlich wurde mir klar: Life is short. Fucking short. Es gibt keinen Grund, einen Tag nicht wertzuschätzen und ihm die eigen Note zu geben. Nicht einen Grund. Und nicht einen Tag.
    In diesem Sinne: Wir rocken das Ding!
    Fühl dich umärmelt von Kea

  • Romy
    2. Oktober 2017

    Hmmm, irgendwie scheine ich diesen Post bisher übersehen zu haben. Danke für diesen tollen Text.. Deine flammende Rede trifft grad echt einen Nerv bei mir – sitze im Büro und fange beinah zu heulen an… Ich hoffe, ich schaffe es auch irgendwann, der Kackbratze Angst in den Hintern zu treten und was zu ändern. Ganz lieben Gruß!

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